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Kapitalismus als Religion

Ein Fragment des Kulturhistorikers Walter Benjamin

"Kapitalismus als Religion", ein posthum veröffentlichtes Fragment, das Walter Benjamin im Jahre 1921 verfasst hat, bildet den Ausgangspunkt eines gleichnamigen kritischen Sammelbandes, der jüngst in die zweite Auflage gegangen ist.

Das beachtlichste Moment des Buches besteht derweil weniger in der inhaltlichen Verhandlung der Benjaminschen Thesen als vielmehr in der Möglichkeit ihrer Verhandelbarkeit: Der große Kulturkritiker hatte die im Text vom "Kapitalismus als Religion" ausgeführten Gedanken knapp als eine "Universalpolemik" disqualifiziert. Wenn dieses Fragment jetzt zum Gegenstand eines Sammelbandes werden kann, der in klassischem Sinne "wissenschaftlich" ist, dann bedeutet das zumindest, dass die in Benjamins Fragment ausgedrückte paranoische Vision eines Kapitalismuskultes offenbar plausibler geworden ist, als sie dies vor knapp neunzig Jahren gewesen war.

Dieser Mensch ist der Übermensch

Der auch als "Fragment 74" bezeichnete Text misst in seiner gedruckten Form insgesamt drei Seiten und hat weder einen Anfang noch ein richtiges Ende. Er beginnt mit der ebenso schlichten wie düsteren Mutmaßung, "im Kapitalismus" sei "eine Religion zu erblicken" und verliert sich nur drei Seiten später in einigen wohl rasch von Benjamin hingekritzelten Buchtiteln nebst Seitenangaben. Irgendwo im Laufe des Fragments taucht eine Formulierung aus dem Dunkel auf, die so kraftvoll ist, dass sie nicht paraphrasiert werden kann:

"Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen. Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos, das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste, der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt".

Benjamins diskursive Argumente für die These vom "Kapitalismus als Religion" finden sich hingegen hauptsächlich in Analogien, die er zwischen den Erkenntnissen Webers, Freuds und Marx' zieht. In expliziter Abgrenzung zu Max Weber bezeichnet Walter Benjamin den Kapitalismus selbst als "essentiell religiöse Erscheinung". So habe "das Christentum der Reformationszeit" nicht etwa "das Aufkommen des Kapitalismus begünstigt", wie Weber geschrieben hat, sondern der Protestantismus habe sich gänzlich "zum Kapitalismus umgewandelt". Auf diese Weise sei eine Religion ohne Gott und ohne Theologie entstanden, deren einzige Rechtfertigung darin bestehe, sich permanent und überall durch den Vollzug ritueller Tauschakte zu bestätigen.

Fremdgötterkomplex

Diesem Thesenkomplex gehen die Autoren des Sammelbandes -Soziologen, Medienwissenschaftler, Germanisten und Theologen- mit den Mitteln ihrer spezifisch fachlichen Fähigkeiten nach: Den Höhepunkt der Abwegigkeit des methodologischen Spektrums bildet die Untersuchung "Geist der Ornamentik – Ideogrammatik des Geldes" des gemeinsam mit Dirk Baecker an der Universität Witten/Hernecke lehrenden Birger P. Priddat. Der Beitrag des Ökonomen und Philosophen beschäftigt sich mit der Ikonographie des Geldes und ist mit 20 farbigen Abbildungen historischer Geldscheine versehen.

Des Weiteren erfährt man von dem Bochumer Theologen Joachim von Soosten, dass der "Schwarze Freitag" 1929 nicht wirklich an einem Freitag stattfand, sondern an einem Donnerstag und dass das berühmte aramäische Substantiv Mammon sowohl wörtlich "Geld, Besitz" bedeute, als auch rhetorisch den "gesamten Fremdgötterkomplex in Schwingung" bringe, da es sich dabei um "ein Lehnwort aus dem Kanaanäischen" handele.

Durch ähnlich enzyklopädisches Wissen überzeugt Anselm Haverkamps Beitrag "Geld und Geist": Es fällt dem Literaturwissenschaftler bemerkenswert leicht, zwischen Umberto Eco und James Joyce, Paul Valéry und Hans Blumenberg hin und her zu springen, um letztlich bei Nikolaus von Kues de docta ignorantia anzugelangen, deren Einfluss auf Benjamin er äußerst suggestiv herauszuarbeiten versteht. Des Weiteren beschäftigt sich Haverkamp eingehend mit der Wirkung von Georg Simmels "Philosophie des Geldes" auf die Überlegungen Benjamins.

Was in den nationalökonomischen Lehrbüchern steht

Christoph Deutschmann wagt es als einziger, das Thema politisch zu behandeln. Am Ende seines Beitrags, der sich mit der "Verheißung des absoluten Reichtums" beschäftigt, fordert er einen "Abschied von der Religion des Kapitalismus". Dann, so Deutschmann weiter, "könnte jener Traum wahr werden, der in den nationalökonomischen Lehrbüchern steht: Dass Geld nichts anderes sei als ein Tauschmittel zum Zweck der Befriedigung der Bedürfnisse endlicher Menschen".

So spannend die Beiträge von "Kapitalismus und Religion" im Einzelnen auch sein mögen, der eigentliche Reiz des Sammelbandes liegt in der Beziehung, die zwischen dem fast hundert Jahre alten Text Walter Benjamins und den neuen Kommentaren entstand. Ziel des in der Reihe "Copyrights" erschienenen Bandes sei es, "herauszufinden, ob uns unsere Kopierverfahren nicht längst in die Irre führen".

Selbstverständlich gibt es für ein solches Vorhaben kein besseres Objekt als die Texte Walter Benjamins. Denn das, was die "Reproduktion" des Benjaminschen Fragmentes freilegt, scheint sich zumindest der diesbezüglichen Theorie des Denkers selbst hartnäckig zu widersetzen: Der von ihm geschriebene Text ist in der Art, wie ihn der Kulturverlag Kadmos präsentiert, sowohl deutlicher an das "Hier und Jetzt" gebunden als auch "auratischer" als er es zu den Zeiten seiner Niederschrift gewesen ist.

Johannes Thumfart

Die Berliner Literaturkritik, 23.06.2004
vf