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Auf der Suche nach dem verlorenen Bild

Zwischen Algorithmen und Archiven - Wie würde ein Wörterbuch für Bilder aussehen?

Sind filmische Topoi Abkürzungen von Bildfolgen in visuellen Chiffren oder digital komprimierte Sequenzen filmischer Kader? Können wir die kulturelle Standardisierung, auf die wir wie emotional auch immer reagieren, in den Filmbildern selbst erkennen? Ist der Zugriff der Ikonologie (das Archiv filmischer Topoi) und der Zugriff der Informatik in der Adressierung von Bildern aufeinander abbildbar?



Im Wohnzimmer eines japanischen Werbefotografen: Freunde haben sich versammelt, sie trinken Wein, lachen und plaudern. Als Begleitfilm läuft ein früher Godard auf DVD. Der Ton ist abgeschaltet. Ab und an fällt der Blick der Gäste auf den großen Bildschirm. Irgendwann nimmt der Gastgeber die Fernbedienung in die Hand und drückt ein paar Knöpfe. Blau, weiß, rot: Belmondos Gang im Loop. Wäre die Fernbedienung mit einer Suchfunktion ausgestattet, wie sie von den Medienwissenschaftlern rund um Wolfgang Ernst, Stefan Heidenreich und Ute Holl, den Herausgebern des "Suchbilder"-Readers, angedacht ist, dann könnte man jetzt mit dieser Bildsequenz nach anderen Filmpassagen suchen. Man könnte mit einem Bild bzw. einer Bildfolge vergleichbare Bilder und Bildfolgen ausfindig machen.

Inhaltliche, also motivische und kompositorische Kriterien wären bei der Suche genauso ausschlaggebend wie formale Faktoren: Chorminanz, Luminanz, etc. Doch wozu das Ganze? Eine solche Suchfunktion, insbesondere in den Händen des Gadget-begeisterten Japaners, lassen an Kulturverfall denken, an die pseudo-demokratische Verfügbarmachung des kollektiven Bildgedächtnisses und an das sinn- und zwecklose Zergliedern und Zusammenbauen visueller Puzzlesteine. Schließlich, und das betonen die Herausgeber des "Suchbilder"-Readers immer wieder, sollen Bilder frei von Ideologie und Semantik, ja, als reine Datensets begriffen und miteinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Obwohl das Programm des "Suchbilder"-Buches darin besteht, mehr Fragen aufzuwerfen, als Antworten zu bieten, obwohl es also eher einer Bewegung des Suchens als Findens verpflichtet ist, gibt es auf die Frage, welchen Sinn eine solche Bilder-Suchfunktion haben könnte, trotzdem konkrete Antworten. Dabei steht keineswegs nur die Überlegung im Vordergrund, dass der Computer bislang ungekannte und im Grunde noch unerforschte Möglichkeiten der Archivierung, Klassifizierung, Sortierung, Verknüpfung und Synthetisierung von visuellen Daten bietet. In erster Linie geht es vielmehr um eine Annahme, die schon seit geraumer Zeit im Raum steht und spätestens seit dem von W.J.T. Mitchell ausgerufenen "Pictorial Turn" an neuer Virulenz gewonnen hat.

Es ist die Annahme, dass, in Zeiten einer von Bildern dominierten Realität, eben jene visuellen Sinn- und Bedeutungsspeicher einer Logik gehorchen, die sich der Sprache gegenüber versperrt, dass Bildern etwas anhaftet, das jenseits des mediatisierbar-fassbaren liegt und dass ihr Wesen im Grunde unbeschreibbar ist. Die Konsequenz, die aus dieser Annahme gezogen wird, mündet nicht im Ziel das infantil-unbewusste des Visuellen in ein griffiges, gesellschaftsfähiges Alphabet zu überführen. Nein, man geht einen Schritt zurück, um eine Bestandsaufnahme der visuellen Logik zu unternehmen und danach zu fragen, wie Bildlichkeit in ihrer visuellen Struktur organisiert ist. Außerdem steht zur Diskussion wie die Bilderfluten von heute das visuell Unbewusste formen.

Wer vor diesem Hintergrund im "Suchbilder"-Reader über eine Ordnung der Bilder nachdenkt, warnt zwar hie und da vor der militärisch-polizeilichen Instrumentalisierung und tangiert in seinen Reflektionen vielleicht auch die Möglichkeiten der industriellen Nutzbarmachung einer Gadget-integrierten Suchfunktion. Doch eigentlich geht es den Autoren und Autorinnen darum, ganz grundsätzlich über das Wesen von Bildern nachzudenken. Ja, an der Tagesordnung steht Pionierarbeit, es geht hier um Grundlagenforschung. Und wie es sich gehört, umweht dieses Unterfangen auch ein Gründungsmythos.

Im Sommer 1995 haben der Berliner Filmemacher Harun Farocki, der an der Humboldt Universität unterrichtende Medientheoretiker Friedrich Kittler und der damalige Direktor des Einstein Forums in Potsdam, Gary Smith, ein Forschungsprojekt angeregt, Sammlungen zu filmischen Ausdrücken analog zu den historischen Wörterbüchern der Sprachwissenschaften anzulegen. Harun Farocki soll, so die Legende, in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen haben, dass es einen aktiven Bildschatz, der dem aktiven Wortschatz vergleichbar wäre, nicht gebe, und dass die Fähigkeit fehle, Ausdrücke genuin visuell zu verknüpfen. Ja, in unserer schriftbasierten Kultur gebe es trotz aller audiovisueller Medien keine Kompetenz, filmgraphisch, d.h. im Medium zu denken und zu kommunizieren. Und so hat Farocki seit dem systematisch an einer solchen Kompetenz gearbeitet. Er hat zahlreiche Filme produziert, die sich immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt haben, Filme also, die versucht haben das spezifisch-filmische zu untersuchen und zu kommentieren. "Der Ausdruck der Hände" zum Beispiel war ein Versuch, Handbewegungen und ihre Verdichtung zu konventionalisierten Gesten zu inventarisieren, ein Versuch der offensichtlich der Forschung eines Aby Warburg verpflichtet war, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Projekten wie dem "Mnemosyne-Atlas" Pathosformeln in der abendländischen Bildkultur zu systematisieren begann.

War das von Farocki, Kittler und Smith initiierte Lexikon-Projekt anfänglich ikonologisch orientiert, wurde es in der Auseinandersetzung mit der digitalen Bildwissenschaft weiterentwickelt und im Rahmen des Berliner "Suchbilder"-Kongresses vor zwei Jahren (vgl. Ästhetik des Scanners), bei dem einige der im Buch vorgestellten Bildsuchmaschinen bereits präsentiert wurden, auf einen neuen Boden gestellt. Seit dem scheint die größte Herausforderung darin zu bestehen, die Kluft zwischen Ikonologie und Informatik zu überwinden. Schließlich ist "der Bildbegriff der Informatik", so die Herausgeber, "dem von Malern und Filmemachern diametral entgegengesetzt. Zwischen dem heuristisch besessenen Blick auf Bilder (also der eindeutigen semantischen Suche) und der semantikfreien Bildsuche tun sich Welten auf."

Was es jedoch auch zusammenzudenken gilt, und darauf kommt das "Suchbilder"-Buch nicht zu sprechen, ist die Bild- und die Tonebene im Film. Als ich einem Musiker und Soundtrack-Komponisten mal von dem Godard-ohne-Ton-Abend erzählte, war er nicht in erster Linie davon überrascht, wie geläufig Godard in Japan sein muss, um als geräuschlose Hintergrund-Kulisse abgespielt zu werden, sondern, dass er geräuschlos konsumiert wird. Schließlich zeichnet einen Godard das besondere Verhältnis der Bilder zum Ton aus. Erst die Synthese, beziehungsweise Differenz dieser Ebenen ergibt das Besondere und Godard-spezifische. Der filmische Ausdruck eines Godard-Bildes ohne Ton wäre demzufolge ohne großen Wert. Ja, über das Wesen der meisten Filmbilder erfährt man im geräuschlosen Aggregatzustand so gut wie nichts.

Krystian Woznicki

heise.de, 12.10.2003
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