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"Die Vierte Gewalt" in MEDIENwissenschaft 2/2009



Friederike Schröter, Claus Gerlach: Die Vierte Gewalt Berlin: Kadmos 2008, 300 S., ISBN: 978-3-86599-069-3, € 17,50
Das Buch liefert eine Zustandsbeschreibung der zeitgenössischen Medien und des Journalismus’ in Deutschland. Das Konzept: ein Interviewbuch mit 26 führenden deutschen Journalisten über ihre Arbeit, ihre Grundeinstellungen, Werte und Haltungen. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein ‚Who-is-who?’ des deutschen Pressewesens. Von Tissy Bruns, Sven Kuntze, Tilman Krause, Henryk M. Broder über Helmut Markwort, Peter Kloeppel, Maybrit Illner, Hans Leyendecker, Claus Kleber bis hin zu Dirk Kurbjuweit und Eva Hermann. Die Auswahl ist geglückt – auch wenn man den Intendanten des ZDF, Markus Schächter, wohl mehr als Politmedienmanager sehen würde. Und die Idee des unkommentierten Interviews ist gut. In vielen Fällen führen die Fragen und die offenen Antworten zu prinzipiellen Einsichten, bei einigen – etwa bei Maybrit Illner – durchdringen die Fragen nicht den eigenen professionellen Schutzpanzer.
Die Fragen stellten Friederike Schröter und Claus Gerlach im Jahr 2007; vielfach wurden die Aussagen der Print-, TV- und Radiojournalisten von den Ereignissen (z.B. Stellenwechsel, Einstellung der Zeitung) überholt, dennoch bleiben nach der Lektüre, die man jedem Volontär, jedem Studenten in der Journalismusausbildung zur Pflicht auferlegen möchte, einige grundsätzliche Einsichten, die nachdenklich machen: „Das Problem ist, dass das Politische bei der Jagd nach Aufmerksamkeit sich selbst so schrill machen muss, dass es flach wird. Mich macht das unruhig. [...] [W]ir lieben Streit und Konfl ikt mehr als alles andere,und wir verschieben damit das Bild über die politische Wirklichkeit. Und da bin ich nicht frei von Schuld.“ (Tissy Bruhns, Tagesspiegel [S.21])
Diese Erkenntnisse werden gelegentlich sogar noch schärfer formuliert: „Das, was eine Demokratie ausmacht, das Ringen um Lösungsmöglichkeiten komplexer Probleme, das wird eigentlich täglich in diesen Zeitungen verschleudert, verludert und zum Skandal gemacht. [...] Wir sind davon auch nicht frei. [...] Diese Reduktion des politischen Prozesses auf Streit halte ich für eine Katastrophe.“ (Sven Kuntze,ARD [S.32])
Man wünschte sich an diesen Stellen immer die (nur gelegentlich gestellte) Frage nach dem Engagement für eine Korrektur der Verhältnisse. Aber dies ist nicht das eigentliche Anliegen der Herausgeber. Sie wollen einen impliziten Zustandsbericht der zeitgenössischen Medien, kein abgesichertes, sondern subjektives Soziogramm des Chefredakteurs zwischen Persönlichkeit, Eitelkeit und den Notwendigkeiten des Medienbetriebs, eine individuelle Momentaufnahme. Und es gibt Aussagen, die wie Alarmglocken erscheinen: „Das bisschen, was ich weiß,reicht. – Es reicht für das Fernsehgeschäft. Nun kann man sagen, das ist kläglich. Aber das sagt etwas über das Niveau des Fernsehgeschäfts aus.“ (Sven Kuntze, ARD [S.27]) Neben allgemeinen Aussagen zum Medienbetrieb finden sich auch interessante Bewertungen einzelner Medien: „Ich finde den Spiegel prima. Also, ich finde den Spiegel als Institution prima. Und dass der Spiegel als Leitmedium an Bedeutung verloren hat, das glaub’ ich schon.“ (Henryk M. Broder, Spiegel [S.57]) Aber es trifft alle Formate, auch die Tageszeitungen werden in die Kritik mit einbezogen: „Die Süddeutsche ist einfach sehr anders ausgerichtet. Das ist wirklich ein ganz anderes Verständnis von Journalismus. Es ist sehr viel populärer. Man versucht sich aktiver zu verkaufen – mit übertriebenen Schlagzeilen. Und es hat kein klares Weltbild, in der Süddeutschen schwankt das ganz wild. Es ist auch ein Konzept natürlich: Man möchte alles abbilden. Gleichzeitig ist der Anspruch, Orientierung zu stiften, weniger stark als bei einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder bei uns.“ (Peter Rásonyi, NZZ [S.63]) Oder noch pointierter: „Ich wehre mich gegen die RTLisierung des Journalismus.“ (Wolfram Weimer,Cicero [S.123]) Auch wenn neben Positionierung in einem Medienmarkt natürlich auch latente Feindbilder durch die Aussagen schimmern, würde man sich nach der Lektüre der Interviews einmal eine professionelle Blatt- und Senderkritik der Kollegen untereinander wünschen, die ehrlich und offen, Eigen- und Fremdbilder thematisiert. „Aber im Moment ist ein, wie es in Amerika auch eingetreten ist,besorgniserregender Absturz in die Banalität zu beobachten. Nicht in jeder Sendung, aber insgesamt in diesem System.“ (Claus Kleber, ZDF [S.219])
Unbeantwortet bleibt die Frage nach dem schwarzen Peter, nach den Ursachen dieser Misere.
Jedoch gibt es durchaus Selbstkritik – auf verschiedenen Ebenen –, die wiederum einen tiefen Einblick in die Mechanismen zwischen Politik und Presse erlaubt: „Man bezieht den Stoff und die Themen sehr direkt von den Politikern und macht es sich damit ein bisschen einfach.“ (Peter Rásonyi, NZZ [S.69]) Einbezogen in diese Selbstkritik werden auch selbstreferentielle Momente der Medien: „Das ist in unserem Beruf sowieso eine Krankheit, dass viel zu sehr auf das Echo der Konkurrenz gehört wird und dass man in der eigenen Branche imponieren möchte.“ (Helmut Markwort, Focus [S.85f.]) Aber die Vorwürfe gehen noch weiter,betreffen die tägliche Arbeit: „Es ist leider oft so, dass wir den leichtesten Weg gehen. Und der leichteste Weg ist, etwas abzuschreiben, [...], anstatt dass man das Telefon in die Hand nimmt und anruft – und nachfragt bei den Primärquellen.“ (Peter Kloeppel, RTL [S.153]) Dies betont auch die leidgeprüfte Eva Hermann, in deren Interview man auch eine höchst interessante Rekonstruktion und Bewertung ihrer Absetzung lesen kann: „Aber es gibt eine Form von Nachlässigkeit und Unwilligkeit, selbst zu prüfen und zu recherchieren, das scheint im Moment vielerorten der Fall zu sein.“ (Eva Hermann, ehemals ARD [S.288])
Zwischen den Zeilen macht sich aber auch die Erkenntnis breit – sei es bei Gerd Delling oder auch bei Claus Kleber –, dass sich die Qualität von Politik und dem damit zusammenhängenden grundsätzlichen Engagement geändert hat: „Ich hatte zur Notstandsgesetzgebung eine Position ... Das war ja, ganz anders als heute, eine Phase, in der es sich noch lohnte, politische Positionen zu haben, weil nämlich wirklich im Grundsatz gestritten wurde über viele Dinge. Dagegen heute: Ob die Rente mit 65 oder 67 gezahlt wird, ob das Arbeitslosengeld 18, 20, 22 oder 24
Monate gezahlt wird – das sind Dinge, die heute die Menschen zu beschäftigen scheinen – oder jedenfalls gaukelt die Politik vor, dass das die wirklich wesentlichen Fragen seien. Und das ist, verglichen mit den grundsätzlichen Fragen von damals, ein relativ langweiliger Streitgegenstand.“ (Claus Kleber, ZDF [S.216])
Am Ende dieser Rezension stehen die Wünsche und Überlegungen von Markus Schächter, die ein erster Schritt, aber nicht ein Allheilmittel gegen die in den Interviews durchschimmernde Krankheit der Medien (auch im Verhältnis zum Politischen) wären: „Eine stärkere medienkritische Resonanz. Nur noch einige große überregionale Zeitungen haben medienkritische Seiten. Und das in einer Zeit, in der – wie nie zuvor – Weichen gestellt werden für eine veritable Veränderung des Mediensystems. Da wünschte ich mir eine brisante Diskussion, und wir denken auch schon ein bisschen daran, ob wir nicht selbst eine medienkritische Sendung initiieren müssen.“ (Markus Schächter, ZDF [S.261]) Der Wunsch nach Medienkritik auch im eigenen Lager hat Tradition. Mit Blick auf die Aussagen der Interviewten wäre sie auch von Nöten – jedoch waren Experimente mit Formen der Fernsehkritik im Fernsehen auch im ZDF immer wieder schnell beendet – sie waren einfach zu kritisch, zu so viel Selbstreferentialität waren die Medien noch nie/nicht fähig. Vielleicht sind diese Interviews ein erster Schritt auf dem Weg zur Besserung, wenn nicht doch wieder nur Symptom eines immerwährenden Zustands.
Michael Grisko (Lübeck)


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